Die Glocke
Ein anderes Stück Kriegsgeschichte der Kirche Flieden
Die Glocke, die seit 1952 von der Evangelischen Kirche Flieden läutet, gehört überhaupt nicht der Kirchengemeinde. Wir haben sie nur geliehen. 190 Jahre lang hat sie schon in Schlesien geläutet, bevor sie nach Flieden kam. Auch das ist eine der bedrückenden Geschichten des zweiten Weltkrieges. Sie stammt vom Hamburger Glockenfriedhof.
Kirchenglocken waren wegen ihrer Bronze kriegswichtiges Material und wurden während des Ersten und Zweiten Weltkrieges zwangsweise eingezogen, um eingeschmolzen vor allem in der Rüstungsindustrie Verwendung zu finden. Von den Sammelplätzen aus gelangten die Glocken zur industriellen Weiterverarbeitung. Insgesamt wurden etwa 90.000 Glocken nach Hamburg geschafft. Mit Kriegsende wurden etwa 10000 Glocken vor dem Schmelzofen gerettet.
Bei Glocken aus den ehemaligen deutschen, nun aber polnischen bzw. sowjetischen Gebieten war die Rückführung aufgrund der politischen Situation und der ungeklärten Besitzverhältnisse nicht möglich, von dort stammende Glocken wurden daher als Patenglocken an westdeutsche Gemeinden übergeben – so auch die Glocke der Evangelischen Kirche in Flieden.
Das älteste Stück unserer Kirchengemeinde
Wer weiß es schon, woher auch? Wenn am Ostermorgen die helle Glockenstimme der evangelischen Kirche zu hören ist, so dürfen sich alle mitfreuen, Heimatvertriebene, Nachkommen, Bürger, -innen gleichermaßen, darüber, dass die Glocke in diesem Jahr ihr Jubiläum von 260 [Anm.: im Jahr 2014] Jahren erklingen lassen kann.
„Johann Gerstner in Breslau goss mich ANNO 1754“, so lautet am Glockenrand die Inschrift, was auch der aus Steinsdorf gebürtige Alois Bude (Jahrgang 1926) in einem Schreiben (1994) bestätigte. […] „Entwendet wurden allerdings drei Glocken unserer Kirche. Nur die kleinste, das sogenannte „Sanctus oder Sterbeglöckle“ blieb am Ort erhalten“, so berichtet das Schreiben von 1994 außerdem. Diese Aussage wurde später bei einem Steinsdorf-Besuch in 2000 vom dortigen Küster der heutigen Pfarrei bestätigt, ergänzt durch die Nachricht, dass die größere und kleinere Glockenschwester der Fliedener Glocke in eine nach 1945 erbaute katholische Kirche der benachbarten Stadt Neustadt / Oberschlesien überführt worden seien, während das Sterbeglöckkle für den außerhalb der Kirchhofmauer erweiterten und benachbarten Friedhof weiterhin seinen Dienst erfüllen kann.
Walter Kunzendorf im Fliedener Wochenblatt 2014



