Herzlich willkommen Ev. Kirche/ ehem. Synagoge
Flieden

 

„Die Geschichte, die wir vergessen wollen, wiederholt sich!“

Bischof Dr. Martin Hein

Unterrichtsmaterial

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Antisemitischer Fasching

Wie sehr die judenfeindliche Stimmung schon 1935 das Alltagsleben beeinflusst, sieht man bspw. auch am Fliedener Fasching. 1935 wurde der „Fliedener Karnevalsclub“ gegründet. Erster Vorsitzender war August Heil, Bürgermeister von Flieden 1933-1945. In einer Büttenrede von 1935 wurden diejenigen Fliedener bloßgestellt, die trotz des von den Nationalsozialisten verlangten Boykotts jüdischer Geschäfte noch bei Juden einkauften. Die Fastnachtszeitung von 1936 dokumentiert diese Rede:


„Nu, was heißt, wir wollen auch noch leben, 
Drum lenken wir froh unsre Schritte nach Schweben; 
Denn hier herrscht noch großes Mitleid, mit der Not von „unsere Leit“. 
Ob hoch, ob niedrig, ob Kaspar oder Marie, 
Wir kaufen beim Juden wie noch nie. 
Geht Aaron mit drei Töpfen ins Haus, 
Kommt er mit einem wieder heraus. 
Wo blieben die restlichen zwei? 
Drin brodelt heute der gute Brei."


In Schweben, einem Ortsteil von Flieden, kauften 1938 kauften trotz Boykottaufrufen anscheinend immer noch viele Menschen bei Juden ein.

 

„Und gar erst beim Katz die Latern' ' 
Kauft die Marie um 60 Pfg. billiger gern.",


Diese Spitze ging gegen das Kaufhaus Katz in Flieden, in dem offenbar noch eine größere Anzahl einheimischer Frauen einkauften.

 

„Auch die Kuh, die schwarzbunte Scheck, 
Brachte der Jude bei Nacht, o Schreck, 
Nicht bloß zum Wilhelm, nein auch zum Fritz, 
Und ich glaub' auch, oder ist's ein Witz, 
Zur ganz höchsten Spitz."


Der Viehhandel wurde bis dahin vorrangig von Juden betrieben. Trotz großer Behinderungen durch die Behörden kauften und verkauften die einheimischen Bauern, sehr wahrscheinlich sogar ein einflussreicher Fliedener, immer noch bei den jüdischen Vieh-händlern, da sie ihnen vertrauten und gute Erfahrungen mit ihnen gemacht hatten.

 

„Die Änne, die Fine, die freuen sich sehr, 
Kommen die Juden nur recht oft noch her. 
Sind alle doch ganz allerliebste Kunden, 
Und schmeißen ganz gewaltige Runden." 


Da lässt darauf schließen, dass die Judensehr großzügig waren und in den Gasthäusern weiterhin bedient wurden:

 

"Ist mal des Abends ein lud' in der Stube, 
Und kommt dann herein vom Nachbarn die Trude, 
So bekommt er einen gewaltigen Schrecken 
Und tut' or Angst die Hände strecken. 
Er schreit aus Not den deutschen Gruß 
Die andern stehn dabei und sehn den Schmuß. 
Wären sie Männer und keine Memmen, 
O Walter; wie würden sie dir eine klemmen.


Hier wird deutlich, dass einige Fliedener trotz Einschüchterungen weiterhin ein gutes Verhältnis zu ihren jüdischen Nachbarn hatten. Dies hielt auch, wenn unverhofft eine linientreue Nachbarin vorbeikam.

 

„Doch nicht bloß unsre Leit werden suchen in der Flucht ihr Heil, 
Viel stärker und schärfer werden bekommen die Judenknechte ihr Teil.“ 


Der Beitrag endet mit einer Drohung an diejenigen einheimischen Bürger, die dem Boykott nicht Folge leisteten.


nach: Christian Schad, Jüdisches Leben in Flieden 1920 – 1942, Bad Kreuznach 2016. 

Fasching 1935

Fasching 1935

Fasching 1935

Fasching 1935

Fasching 1937

Fasching 1937