Ausweisung der Juden aus Flieden
Dieses Foto versteckte sich als einzelnes Negativ zwischen vielen anderen unspektakulären Familienbildern. Das Negativ ist sehr zerkratzt. Aus derselben Perspektive wie dieses Bild - aus einem Fenster im Festsaal des Gasthauses Rieser im 1. Stock - sind im Laufe der Jahrzehnte viele Aufnahmen entstanden. Von da aus wurden Faschingsumzüge, Prozessionen und Demonstrationen bis zur Schließung des Gasthauses Mitte der 1980er Jahre fotografiert.
Man muss schon genauer hinschauen, um die sonderbare Stimmung in diesem Bild zu erkennen. Das ist kein fröhlicher Festzug; die Stimmung wirkt nachdenklich und bedrückt. Die Teilnehmer des Zuges laufen mit hängenden Köpfen. Die, die draußen stehen bleiben auf Abstand.
Schaut man sich die Aufschriften auf den Wagen an, dann wird der Schrecken dieser Bilder deutlich. Da steht: „Auszug der Juden“ und „Nat. Katz“. Nathan Katz war der letzte Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde. Ihm gehörte das Haus vor dem Kirchhof, in dem das Geschäft seines Vaters untergebracht war (siehe Folie „jüdisches Geschäftsleben“). Er hat vermutlich am 30. Mai 1938 Flieden verlassen. Wer die Familien bei den hinteren Wagen sind, ist nicht zu ermitteln.
Es gibt keine weiteren Informationen über das Bild. Aber die Aufnahme selbst gibt einige Hinweise:
Ende Mai 1938 war es in der Gegend außergewöhnlich kühl (9-14°C) und regnerisch. Das passt zu den nassen Straßen und zur Kleidung der Anwesenden.
Die Umstehenden tragen Anzüge. Das ist bei einem landwirtschaftlich geprägten Dorf wie Flieden am ehesten an einem Sonntag denkbar.
Es sind viele Personen auf der Straße. Wenn nicht der Auszug selbst der Anlass für die Zusammenkunft war, dann könnte es nach dem Kirchgang gewesen sein.
Unter den Zuschauern sieht man kaum Frauen und Kinder. Das könnte bedeuten, dass der Gottesdienst schon länger vorbei ist, die Frauen mit den Kindern schon nach Hause gegangen sind um das Mittagessen zu bereiten und die Männer noch wie üblich zum Frühschoppen blieben. Die etwa 10 Männer vorne auf der rechten Straßenseite könnten gerade aus dem Gasthaus „Zum Hasen“ gekommen sein, um dem Aufmarsch zuzusehen. Die Fenster des Gasthauses stehen offen.
Von Nathan Katz weiß man, dass er über Southampton ausgereist und am 13.9.1938 in New York angekommen ist. Mit ihm waren auf dem Schiff seine Frau Rebecca und sein Sohn Rudolf.
Unklar bleibt, wie es zu diesem Aufmarsch kommt. Ist das eine bewusste Inszenierung der Obrigkeit, eine letzte Demütigung, sozusagen als vergifteter Abschiedsgruß? Aber Offizielle in Nazi-Uniformen sind nirgends zu erkennen.
Oder hat sich ganz spontan die Menge versammelt? Aber wer hätte dann die Schilder an die Wagen geheftet?
Und: Wer hat wieso das Foto gemacht? Eine Fotografie war damals teuer und ein Fotoapparat war selten spontan zur Hand. Eine schlichte Gewohnheit, weil alle Aufmärsche von dort fotografiert wurden? Was sollte überhaupt fotografiert werden: Die jüdischen Familie oder die Reaktion der Umstehenden?
Was bewegt die Umstehenden? Es fällt auf, dass alle auf Abstand bleiben. Keiner geht auf die Juden zu, um sich noch einmal persönlich von denen zu verabschieden, mit denen man jahrzehntelang zusammen gelebt hat. Und oben stand einer am Fenster und fotografierte… Da wäre wahrscheinlich ein solcher Kontakt schon gefährlich gewesen.
Was geht in ihren Köpfen vor? Gefühle von Antisemitismus, Schadenfreude, Häme? Oder sind da Hilflosigkeit, Scham, Angst? Es ist nicht bekannt, wer damals warum an der Straße stand.
Wenn das tatsächlich eine bewusste Demütigungs-Inszenierung der Obrigkeit war, dann war die moralische Falle für die Bevölkerung schon gestellt. Denn wer hier nicht eingegriffen hat, konnte auch bei der Zerstörung der Synagoge ein halbes Jahr später kaum noch das Wort erheben. Und das Bedrohungsszenario steigerte sich unaufhaltsam: Wer sich jetzt noch auf die Seite der Juden stellte, dem könnte es bald genauso gehen.
Wie würden wir heute reagieren, wenn es zu einer ähnlichen Situation kommt?
Nathan Katz in der Uniform eines Soldaten des ersten Weltkrieges. Katz wurde am 9. Januar 1877 in Flieden als Sohn von Jesajas und Zerlina, geb. Stern geboren.
Er heiratete Rebecca, geb. Neuhaus, sie bekamen von 1904—1915 fünf Kinder, die alle auch in die USA auswandern konnten.
Als einer von neun Fliedener Juden kämpfte er im 1. Weltkrieg für Deutschland. Er betrieb selbst ein Kolonialwarengeschäft.
Er war der letzte Vorsitzende der „israelitischen Kultusgemeinde Flieden“. Deshalb liefen in seinem Namen nach dem zweiten Weltkrieg die Verhandlungen mit der Evangelischen Kirchengemeinde über den Erwerb der Synagoge.
Nathan Katz starb am 26.09.1950 in Danvers, Essex County, Massachusetts, USA.
Recherchen von Holger Beppler, Flieden und Josef Krah, Flieden.


