Kommentare zum Antisemitismus 2
„Die Verheißungen Gottes an sein Volk sind nicht passé oder auf die christliche Kirche übergegangen, Israel ist nicht „enterbt“, sondern wir sind als Juden und Christen im Tiefsten unseres Glaubens und unserer ganzen Existenz miteinander verbunden: Erst wenn wir das begriffen haben, sprechen wir auch über das, was uns unterscheidet. Paulus sagt es klipp und klar: Der Vater Jesu Christi ist der eine Gott Israels! Im Aaronitischen Segen, den die Kirchenfenster aufnehmen, spricht der eine und selbe Gott zu uns!
Hätte man diese fundamentale Einsicht im Lauf der langen Christentumsgeschichte doch nur beherzigt, liebe Schwestern und Brüder! Es wäre Menschen jüdischen Glaubens so viel Leid erspart worden – im Mittelalter, in der Zeit der Reformation, im 20. Jahrhundert. Immer musste Gottes auserwähltes Volk Ausgrenzung oder Verfolgung erfahren! Wir können nichts ungeschehen machen, sondern nur voller Buße zu Gott beten: Vergib uns! Und lass es nie wieder dazu kommen, dass wir als Kirche unseren Ursprung verleugnen, sondern uns mit deinem Volk verbunden wissen.
Mit Sorge sehe ich, dass erneut darüber hinweggegangen wird, was uns der Apostel Paulus einschärft. Erneut wird der Antisemitismus gleich welcher Herkunft bei uns in Deutschland und anderen Ländern Europas salonfähig. Wenn etwa von wohlmeinender Seite dazu geraten wird, Juden sollten in der Öffentlichkeit besser keine Kippa tragen, damit sie nicht angegriffen und bespuckt werden, dann ist das ein Alarmsignal allergrößten Ausmaßes! Es darf nicht sein, dass Jüdinnen und Juden ihre Herkunft und ihren Glauben verheimlichen müssen! Deshalb sage ich unumwunden: Da müssen wir als Christen und als Kirchen an ihrer Seite sehen. Wo denn sonst!“
[Bischof Dr. Martin Hein bei der Wiedereinweihung der Kirche am 22.9.2019. Foto: ebd, privat]
Doch Antisemitismus äußert sich nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, in zum Teil schwerwiegenden Taten. Die Anzahl der erfassten antisemitischen Delikte, die von Schmierereien bis zu Gewalttaten reichen, ist laut bundesweiter Kriminalitätsstatistik [...] erneut angestiegen. Besonderes Aufsehen rief die Anfeindung eines Mädchens hervor, das an seiner Schule beschimpft und sogar mit dem Tod bedroht worden war, einzig weil es Jüdin ist. Dieser Vorfall löste eine Debatte über Antisemitismus an unseren Schulen aus. Er ist offenbar weiter verbreitet, als viele dachten. Antisemitisches Mobbing kommt an allen Schulformen vor – und auch an Schulen, die keine jüdischen Mitschülerinnen und Mitschüler haben.
Auch auf offener Straße wurden Jüdinnen und Juden beleidigt, angepöbelt oder sogar tätlich angegriffen. Mehrere Attacken auf Menschen, die eine Kippa, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung, trugen, wurden [...] bekannt, doch viele Übergriffe dringen gar nicht an die Öffentlichkeit. Denn die Betroffenen sehen davon ab, zur Polizei zu gehen oder sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Angesichts der antisemitischen Vorfälle hat Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bereits davon abgeraten, sich in der Öffentlichkeit, etwa durch das Tragen einer Kippa, als Jude zu erkennen zu geben.
Angesichts solcher Erfahrungen sind viele in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden zutiefst verunsichert, nicht wenige denken wieder verstärkt an Auswanderung. [...] Das ist ein Armutszeugnis für unser Land. [...]
Deshalb [...] ist es so entscheidend, den Anfängen zu wehren und sogleich gegen jedes Anzeichen von Antisemitismus und Rassismus aufzutreten. Deshalb ist es so wichtig, nie nachzulassen, Freiheit, Demokratie und Toleranz zu verteidigen und aufzuzeigen, was geschehen kann, wenn wir es nicht tun. Antisemiten und Demokratieverächter dürfen nie den Eindruck gewinnen, sie sprächen für eine schweigende Mehrheit. Denn das tun sie nicht.
Die Mehrheit in unserem Land schätzt die Werte unserer Gesellschaft; viele Menschen, viele Fliedener treten für sie ein und zeigen Solidarität mit Betroffenen von Hetze und Gewalt. Sie verwahren sich dagegen, wenn Ewiggestrige, Antisemiten oder Populisten Demokratie, Toleranz und eine offene Gesellschaft infrage stellen, sie engagieren sich für ein gutes Miteinander. Und viele Menschen, auch viele Junge, interessieren sich für die NS-Zeit.
Es war ein langer, ein mühevoller Weg, nach der Shoah neue Brücken zu bauen und wieder zu einer Verständigung zwischen Juden und Deutschen zu gelangen. Aber es ist gelungen. Dafür sind wir dankbar. Und dieses wiedergewonnene Miteinander wollen wir bewahren und stärken. [...]
[Christian Henkel, Bürgermeister der Gemeinde Flieden, Gedenkrede zu 80 Jahren Reichspogromnacht am 09.11.2018. Foto: Einweihungsgottesdienst im September 2019, privat]
The unprecedented rise in anti-SemitismIsm is extremely disturbing, and disheartening to me. As it should be to all correct – thinking people. The lesson of the Holocaust is not only to “never forget” but that it informs all good people to stand up during these dangerous times. We must not let the bad people, and yes there are bad people, dictate their misanthropic and horrific policy-desires unto us. This is a time for a call to action. I hope that all people that are opposed to these policies will give both money and time to fight anti-Semitism and other corollary racist policies that the far right want to implement in the United States and many parts of the world. As a first generation Holocaust survivor the events of Nazism are embedded not only in my memory but my fabric as a human being. My mother escaped from Nazi Germany, but her family was not as fortunate. One of the most frustrating aspects of the Holocaust is that it just doesn’t make sense. This is because it is about pure hatred. This sentiment can be viewed as being “politically incorrect” by some. However, if there’s one lesson to be learned from Nazism and other corollary philosophies it is that the soft approach does not help with these people. We must try to implement laws to fight the scourge of Nazism, QAnon, and other conspiracy theories which have at their core anti-Semitism and fascism. There is no question that the Holocaust could be repeated and more than vigilance is required to defend our freedoms and what is right and humanistic. Nothing less than the core of civilization is threatened.
ÜBERSETZUNG: Der erschreckende Anstieg des Antisemitismus ist für mich äußerst beunruhigend und verstörend. Und dies sollte es auch für alle vernünftig denkenden Menschen sein. Die Lehre aus dem Holocaust beinhaltet nicht nur, "niemals zu vergessen", sondern auch, dass sie alle guten Menschen dazu anregen sollte, in diesen gefährlichen Zeiten aufzustehen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die bösen Menschen - und ja, es gibt dies bösen Menschen - uns ihre menschenverachtenden und schrecklichen politischen Vorstellungen diktieren. Dies ist eine Zeit für aktives Handeln. Ich hoffe, dass alle Menschen, die gegen diese Art von Weltanschauung sind, sich durch staatlich oder privat finanzierte Bildungsprogramme und einem langen Atem engagieren, um den Antisemitismus und andere rassistische Denkweisen zu bekämpfen, die die extreme Rechte in den Vereinigten Staaten und in vielen Teilen der Welt umsetzen will. Als Sohn einer Holocaust-Überlebenden, der ersten Generation , sind die Ereignisse des Nationalsozialismus nicht nur in meinem Gedächtnis, sondern auch in meinem Wesen als Mensch tief verankert. Meine Mutter konnte aus Nazideutschland entkommen, aber ihre Familie hatte nicht so viel Glück. Einer der ernüchterndsten Aspekte des Holocausts ist, dass er einfach keinen Sinn macht. Das liegt daran, dass es sich um blinden Hass handelt. Diese Haltung kann von einigen Menschen als "politisch unkorrekt" angesehen werden. Wenn es jedoch eine Lektion gibt, die wir aus dem Nationalsozialismus , und anderen damit verknüpften Weltanschauungen lernen können, dann ist es die, dass eine sanfte Gangart gegen solche Menschen nicht hilft. Wir müssen versuchen, Gesetze zu beschließen, um die Bedrohung durch Nazismus, QAnon und andere Verschwörungstheorien aktiv zu bekämpfen, da diese im Kern zutiefst antisemitisch und faschistisch sind . Es steht für mich außer Frage, dass sich der Holocaust wiederholen könnte, und es ist mehr als nur Wachsamkeit erforderlich, um unsere Freiheiten und das, was vernünftig und menschlich ist, zu verteidigen. Nichts Geringeres als der Kern unserer Zivilisation ist bedroht.
[Richard I. Torban, Neurologe und Psychiater M.D., Palm Springs, USA, August 2021]
Wenn dein Kind dich morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott, geboten hat, so sollst du deinem Kind sagen:… (5. Mose 6,20ff)
Fragen und Antworten. Nachbohren und Erklären. Das ist ein Grundprinzip im Judentum. Eltern sollen sich dem Interesse der Kinder stellen und mit ihnen nach immer neuen Antworten suchen. So wird Wahrheit nicht fest fixiert, sondern entsteht ständig neu.
In meiner christlichen Familie habe ich eine ähnliche Offenheit erlebt. Wir durften unsere Eltern und Großeltern nach der Zeit des Nationalsozialismus befragen. Sie haben versucht, Antworten zu geben. Ihre Erzählungen waren so lebendig, dass ich manchmal vergesse, damals nicht selbst schon gelebt zu haben. Früh durfte ich den Anti-Kriegsfilm „Die Brücke“ und später die Serie „Holocaust“ sehen, und wir redeten darüber. Diese Gespräche haben mich geprägt und sensibel gemacht. So war ich gut vorbereitet auf antisemitische Äußerungen.

Später habe ich ein Jahr lang in Jerusalem studiert und dort unterschiedliche jüdische Menschen kennengelernt von ultraorthodox bis reformiert. Und als ich 1995 meine erste Pfarrstelle in Flieden antrat mit der ehemaligen Synagoge als Gotteshaus, da schloss sich der Kreis. Ich empfinde es als große Verpflichtung. Wie schön, dass die Ausstellung „Bruchlinien“ das Fragen und Antworten weiterführt.
[Anke Haendler-Kläsener, Pfarrerin in der Kirchengemeinde Flieden-Neuhof im Oktober 2021. Foto: Einweihungsgottesdienst im September 2019, privat]
Ich verstehe nicht, warum die Menschen nicht neugieriger aufeinander sind. Es kann doch so interessant, so erfrischend sein, andere Gebräuche, Gewohnheiten und Rituale kennen zu lernen. Aber viel zu oft erleben wir, wie dem Andersartigen mit Angst und Feindschaft begegnet wird.
Damit beginnt Antisemitismus und jede andere Form von Ausgrenzung: Wenn nicht Neugier, sondern Ablehnung das Miteinander bestimmt. Dann ist es nicht mehr weit zu Vorurteilen, Schuldzuschreibungen und letztlich zu Gewalttaten. An ihrem Umgang mit dem Andersartigen kann man den Zustand der Gesellschaft ablesen.
Ja, wahrscheinlich muss man manchmal Antisemitismus auch mit Ermahnung, Widerstand und Gesetzen bekämpfen. Ich möchte aber daran glauben, dass Interesse-wecken und Neugierig-machen nachhaltiger ist.
[Pfarrer Holger Biehn, Flieden, September 2021. Foto: Einweihungsgottesdienst im Sept 2019]





